Zensur und Fiktion. Entlarvungsdiskurse in Tangos. L’exil de Gardel von Pino Solanas

von Rolf Kailuweit

Beitrag zur Ausgabe Freies Hören (4.2/2015). | Volltext

Abstract: 1985 dreht Pino Solanas Tangos: L’Exil de Gardel und arbeitet die Geschichte der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983) sowie des Schicksal der Exilanten in Paris auf. In anachronistischer Weise bedient er sich des Tangos, dessen Hochzeit in den 70er Jahren längst vorbei ist. Zweimal im Film wird die Zensur klassischer wie aktueller Tangos durch das Militärregime thematisiert. Tatsächlich jedoch war der Tango in der jüngsten argentinischen Diktatur nur marginal von Zensurmaßnahmen betroffen, während in den 30er und 40er Jahren die Ausstrahlung von Tangos im argentinischen Radio häufiger durch repressive Maßnahmen beschränkt wurde.

Der Beitrag versucht zu klären, mit welchen Mitteln und mit welchem Ziel im Medium des Films ein Diskurs über die Zensurmaßnahmen eines diktatorischen Regimes geführt wird. Dabei geht es um die Spannung zweier sich gegenseitig dekonstruierender Interpretations­angebote, die sich an der Einordnung des Topos ‚Zensur‘ unterscheiden. Zum einen scheint die Entlarvung einer vermeintlichen Tangozensur durch die Diktatur der Instrumentalisierung des Tangos als Bestandteil einer Widerstandskultur zu dienen. Zum anderen verdeutlicht der Plural Tangos im Titel, dass Tango ein komplexes Phänomen ist, voller diachroner und diatopischer Facetten, das nur in der paranoiden Sicht der Exilanten als ein vom Regime angeblich durch Zensur unterdrücktes Symbol von Argentinität gelten kann. Wenn die surrealen Momente des Films für diese zweite Interpretation sprechen, so legen Solanas reduktionistische Kommentare zur Funktion des Tangos die erste Interpretation nahe.

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